Laika Verlag

 

Laika Verlag

Rebellion im Doppelpack

01.09.2010
marx21, Nr. 17 (September 2010)

 

Mehr als eine Million Studierende in den USA betrachteten sich im Herbst 1970 als „Revolutionäre“. So viele waren es zu keinem Zeitpunkt davor – und auch danach nicht mehr. 1960 hatten sich lediglich 200 Aktivisten zusammengefunden, um die Students for a Democratic Society (Studierende für eine demokratische Gesellschaft, SDS) zu gründen – jenem Verband, der schließlich im Zentrum der Hochschulrevolte stehen und sich binnen weniger Jahre zu einer Massenorganisation mit 100.000 Mitgliedern entwickeln sollte.

Der fünfte Band der im Laika Verlag herausgegebenen „Bibliothek des Widerstands“ widmet sich der spannenden Geschichte dieser Organisation. Wie die anderen Teile der Serie umfasst er einen Dokumentarfilm und ein kleines Buch. In dem Film von Helen Garvy lassen uns Veteranen der 68er-Bewegung an ihren Erinnerungen teilhaben und zeichnen Schlüsselereignisse nach, die damals zur Radikalisierung der Aktivisten beigetragen haben. Sie berichten von den Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen und von den Massenprotesten gegen den Vietnamkrieg. Die Verstrickungen der Universitätsleitungen und der Demokratischen Partei in ein System von Rassismus und Krieg trieben die Auseinandersetzungen zusätzlich voran.

„Vom Protest zum Widerstand“ lautete die Losung, unter der die Aktivisten nach neuen Wegen suchten, diesen Zustand zu beenden. Die „alten“ Ansätze – friedlicher Protest und Appelle an die Politik – schienen angesichts des sich zuspitzenden Vietnamkriegs fruchtlos. Die US-Regierung schickte immer mehr Soldaten nach Fernost, obwohl Hunderttausende auf den Straßen dagegen protestierten.

Im Buch beschreibt der Politologe Florian Butollo, wie die Dynamik der Proteste den SDS prägte. Er beleuchtet, wie dabei diverse Strategien „gelebt und erprobt“ wurden: von der Nachbarschaftsarbeit im Ghetto über den Kampf um Freiräume an den Universitäten bis hin zu Versuchen der aktiven Sabotage der Kriegsmaschinerie.

Dabei stellt Butollo eindrucksvoll Stärken und Schwächen des Verbands heraus, die zunächst seinen kometenhaften Aufstieg zum „Motor und Mentor“ der Studentenrevolte und dann seinen Zerfall auf dem Höhepunkt der Bewegung 1969 begünstigten.

Als relativ heterogener Verband, der sich von der „alten Linken“ abgrenzte, wurde der SDS zur ersten Adresse für tausende Studierende, die sich neu politisierten. Er entwickelte sich zu einem lebendigen „Laboratorium“ für die kollektive Debatte in der Bewegung. Dieser Umstand führte jedoch auch zur partiellen politischen „Auflösung“ der Organisation in der Bewegung: Die Heterogenität der Protestbewegung erschwerte es, gemeinsame Strategien, Forderungen und Ziele zu formulieren. Im Jahr 1968 verdichteten sich die Ereignisse schlagartig: Die Tet-Offensive der Vietnamesen gegen die US-Armee, die Ghettoaufstände in US-amerikanischen Großstädten nach der Ermordung Martin Luther Kings und der Generalstreik in Frankreich trieben die Aktivisten zu immer radikaleren Schlussfolgerungen. Große Umwälzungen schienen in greifbarer Nähe zu sein und unter den Aktivisten wuchs das Bedürfnis nach „Revolutionstheorien“. In dieser Situation beförderte eine gewisse „Traditionslosigkeit“ des SDS die unkritische Übernahme von maoistischen Dogmen. Eine Auseinandersetzung mit marxistischer Theorie hatte zuvor kaum stattgefunden.

Butollo weist in diesem Zusammenhang auf ein allgemeines strategisches Dilemma der Studentenbewegung der 1960er Jahre hin: Der Radikalisierung der Studierenden stand die relative Passivität der Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Der Maoismus und andere Avantgardemodelle, die die Initiative einer entschlossenen Minderheit ins Zentrum des revolutionären Prozesses stellten, erschienen vielen Aktivisten angesichts dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen attraktiv. Die klassisch-marxistische Orientierung auf die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse bot hingegen für eine Praxis unmittelbarer radikaler Aktionen damals anscheinend kaum Ansatzpunkte.

Fazit: Die DVD und vor allem das Buch sind sehr zu empfehlen, da aus der ergreifenden Geschichte des US-amerikanischen SDS nützliche Fragestellungen und Schlussfolgerungen für die Aufgaben der gegenwärtigen Linken gezogen werden können.

 

 

Autor:

Michael Ferschke

 

Bibl. Angaben:

Bibliothek des Widerstands

Band 5: Rebels with a Cause. Die Geschichte des amerikanischen SDS

Buchbeitrag von Florian Butollo, Film von Helen Garvy

Laika Verlag, Hamburg 2010

120 Seiten (Buch), 109 Minuten (DVD), 19,90 Euro

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"Ohne Meinungen und Ziele kann man gar nichts darstellen. Ohne Wissen kann man nichts zeigen; wie könnte man wissen, was wissenswert wäre? Wenn der Schauspieler sich nicht damit begnügt, ein Papagei oder ein Affe zu sein, muss er sich das Wissen unserer Zeit über das menschliche Gesellschaftsleben aneignen, indem er selbst in den Kampf der Klassen eintritt. Manche mögen das als entwürdigend empfinden, weil sie die Kunst, wenn die Geldseite erledigt ist, zu den höchsten Dingen zählen; aber die höchsten Entscheidungen der Menschheit werden in Wirklichkeit auf der Erde ausgefochten, nicht im Himmel; in der "äußeren" Welt, nicht in den Köpfen der Menschen. Niemand kann über den kämpfenden Klassen stehen, denn niemand kann über der menschlichen Rasse stehen. Die Gesellschaft kann kein gemeinsames Kommunikationssystem teilen, solange sie in sich bekämpfende Klassen gespalten ist. Für die Kunst bedeutet "unpolitisch" zu sein also nur, sich mit der "herrschenden" Gruppe zu verbünden."

Berthold Brecht - A Short Organum for the Theatre

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