Nichts ist normal

28.04.2010
junge Welt

Bibliothek des Widerstands: »Schrei im Dezember« von Kosta Kolimenos handelt von Gewalt und Phantasie

Von Christof Meueler

Nein, wir sind keine Schaufensterpuppen. »Showroom Dummies«, der alte Kraftwerk-Hit von 1977, hat in Griechenland, wo gerade der Staat weniger von innen als von außen kaputtgemacht wird, keine Gültigkeit mehr. Es scheint, als würde dort ein anderer alter Hit aus Westdeutschland wichtiger: »Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle«, ganz so wie es sich die gleichnamige klandestine Gruppe in ihren Verlautbarungen immer gewünscht hatte.

In »Schrei im Dezember« von Kostas Kolimenos, dem dritten Film aus der neuen Reihe »Bibliothek des Widerstands«, sieht man erst Schaufenster in Athener Einkaufspassagen, in deren Glas sich ein paar vorbeilaufende Menschen spiegeln. Hinter dem Glas stehen Schaufensterpuppen, die für Kleidung und Schmuck werben. Später spiegeln sich Demonstrationszüge in den Schaufenstern, die schließlich Löcher bekommen und splittern. Die ordentliche Warenwelt geht in die Brüche, ganz so wie die griechische Ökonomie heute zusammenklappt. Nur wurden die Schaufenster schon im Dezember 2008 von den Kindern der ökonomischen Katastrophe angegangen, die sich weigerten, Prekarisierung und Verarmung für ganz normal zu halten. Nachdem am Nikolaustag Sondereinheiten der Athener Polizei den 15jährigen Schüler Alexandros Grigoropoulos erschossen hatten, strömten plötzlich im ganzen Land Studenten und Schüler auf die Straße, besetzten Universitäten, zerstörten Überwachungskameras und griffen Polizeistationen an.

Das war »kein Aufstand aus dem Nichts«, schreibt Heike Schrader in dem lesenswerten, fast hundertseitigen Begleitbuch zur DVD, denn 2006/2007 hatten wochenlange Proteste ein Hochschulgesetz, das »neue, marktwirtschaftliche Kriterien für das Universitätsmanagement« vorsah, nicht verhindern können. Außerdem muß, wer studieren will, sich jahrelang mit zusätzlichem Privatunterricht auf die Uni vorbereiten, und wer dann studiert hat, muß erfahren, daß ein Abschluß oft kaum etwas wert ist. Insofern ist es ein lächerlicher Euphemismus, wenn die bürgerlichen Medien im Dezember 2008 behaupteten, daß Griechenland »nicht zur Ruhe kommt« (was sie jetzt wieder tun). Tatsächlich war fast drei Monate vor dem Tod von Alexandrios Grigoropoulos in New York die Bank Lehman Brothers pleite gegangen, mit erdbebenartigen Folgen für die Weltwirtschaft. Der aktuelle griechische Staatsbankrott ist eine Folge und darüberhinaus vermutlich ebenso die Antizipation weiterer Katastrophen andernorts. Vielleicht sind die von Regisseur Kolimenos dokumentierten Dezember-Proteste auch der Vorschein einer künftigen, nicht auf Griechenland beschränkten »metropolitanen Rebellion«? Diese Frage werfen die Sozialwissenschaftler Vassilis Tsianos und Athanasios Marvakis im Begleitbuch auf. Denn die Probleme sind überall dieselben: Es sind die vom Terror der Ökonomie diktierten »Grenzen der Bürgerschaft als die Grenzen der Demokratie in Europa«.

Und die Revolte dagegen »enthält als Moment den Tanz« wie es an anderer Stelle im Begleitbuch formuliert und fast schon choreographisch bebildert wird. In »Schrei im Dezember« fließen dann auch Slogans, Sounds und Songs ineinander. Dazu mischen Interviews, Standbilder und immer wieder Demos gegen die Repression das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv auf. Alles ist in Bewegung, für Kolimenos ist die Revolte eine phantasieanregende Kunst: »Ein Stein in ein Schaufenster vermag die Oberfläche der Dinge zu durchbrechen, dreidimensionale Sinnesmotive zu offenbaren, dort wo die Szenerie bisher statisch war«, spricht jemand aus dem Off. Kolimenos führt solche Statements nicht distanzierend vor, sondern untersucht sie auf sehr poetische Weise. »Dem vielversprechenden Spektakel, das nur Brosamen verteilt, setzen wir die Vision eines Bullen entgegen, der sein Schild wegwirft, im Herz den Rhythmus der ersten Liebe« heißt es einmal. »Schrei im Dezember« handelt vom Überwinden des Nicht-mehr-Weiterwissens und des Kleinbleibens. Wovon alle politischen Tänzer träumen: Das die Musik weitergeht.

 

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