Metamorphose einer Neonazi-Partei

18. Februar 2014
Armin Pfahl-Traughber, bnr.de

Metamorphose einer Neonazi-Partei

Der Aufstieg der militanten, fremdenfeindlichen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland.

Der Journalist Dimitris Psarras legt mit seinem Buch „Neofaschisten in Griechenland. Die Partei Chrysi Avgi“ eine Gesamtdarstellung zu Entwicklung, Ideologie, Organisation und Strategie der Partei „Goldene Morgenröte“ dar. Die Publikation beschreibt und untersucht informativ und kenntnisreich den Aufstieg einer offen rechtsextremen Partei zu einer etablierten Wahlpartei in einem EU-Land in der Krise.

Kommt es in Demokratien zu ökonomischen und politischen Krisen, entstehen für extreme Kräfte günstige Rahmenbedingungen. Genau dies ist in Griechenland der Fall, wo die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem erheblichen Legitimationsverlust für die etablierte Politik führte. Die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse liefern insofern auch ein Szenario für eine Krisen- und Umbruchphase moderner Gesellschaften. In ihr gelang der Aufstieg einer Partei, die sich ganz offen fremdenfeindlich und neonazistisch gibt: „Chrysi Avgi“ („Goldene Morgenröte“). Deren Entstehung und Entwicklung behandelt der Journalist Dimitris Psarras, ausgewiesener Buchautor zum Thema und engagiertes Mitglied der Recherchegruppe „Ios“ („Virus“), in seinem Werk „Neofaschisten in Griechenland. Die Partei Chrysi Avgi“. Er will darin folgende Frage beantworten: „... wie konnte das auf seine Toleranz und Gastfreundlichkeit stolze Griechenland auf die unterste Stufe der fremdenfeindlichsten europäischen Gesellschaften herabsinken?“ (S. 19).

Denn: „Es brauchte zwei Anläufe parlamentarischer Wahlen innerhalb weniger Wochen, um zu verdauen, was bis vor Kurzem noch unglaublich erschien. Griechenland wurde zum ersten Land Europas, in dessen Parlament eine Partei einzog, die offen den Nationalsozialismus als ihr Vorbild benannte, und dies auch noch mit keineswegs unbedeutenden sieben Prozent“ (S. 19). Den Aufstieg von „Chrysi Avgi“ ebendort hin will Psarras auf Basis seiner journalistischen Recherchen beschreiben und bewerten. Dazu geht er zurück in die 70er Jahre, wo nach der Abschaffung der seinerzeitigen Diktatur die ersten rechtsextremen Bestrebungen neuerer Art aufkamen. Im Kontext dieser Entwicklung entstand auch die Zeitschrift „Chrysi Avgi“, die als politischer Ausgangspunkt für die spätere Entstehung der gleichnamigen Partei der Gegenwart anzusehen ist. Danach schildert der Autor „die Metamorphose einer nationalsozialistischen, von rechtsgültigen Verurteilungen für blutige Angriffe auf den ‚inneren Feind’ belasteten Gruppierung in eine konforme Partei ...“ (S. 20).

Gesellschaftliche Unterstützung für „Chrysi Avgi“

Hierbei zeigt sich immer wieder, dass „Chrysi Avgi“ in Handlungen und Ideologie direkt oder indirekt auf Faschismus und Nationalsozialismus bezogen ist. Dafür steht das gewaltgeneigte Agieren auf der Straße ebenso wie die offenkundige Bewunderung für die Hitler-Partei. Umso erklärungsbedürftiger ist daher der Anstieg der Wählerzustimmung, wofür Psarras auf das Aufzeigen der „Migrantenfrage“ und die „sozialen“ Aktivitäten der Neonazis, aber auch auf fehlende Ausgrenzung in Gesellschaft, Medien und Politik verweist. Hierbei wird auch der kritische Blick auf die Akzeptanz in bedeutenden Institutionen wie der Kirche und der Polizei geworfen. So hießt es etwa: „Nach Aussagen aus unterschiedlichen Gegenden Griechenlands ermuntern regionale Bischöfe die Priester, der Chrysi Avgi, wo immer es möglich ist, Stimmen zu verschaffen ...“ (S. 108) oder: „Die ‚Übereinstimmung ... bestätigte sich ... bei den Wahlen ... Hier wurde festgestellt, dass die Stimmen für die Organisation in den Wahllokalen besonders hoch waren, in denen ... Polizisten wählen“ (S. 93).

Allein schon mangels anderer ausführlicher Darstellungen zu „Chrysi Avgi“ in deutscher Sprache verdient die Übersetzung von Psarras Buch besondere Aufmerksamkeit. Er erweist sich darin als guter und langjähriger Kenner der politischen Entwicklung des Rechtsextremismus in Griechenland, was sich auch an der Herausarbeitung der Besonderheiten dieser Partei gegenüber den anderen Organisationen in dem genannten politischen Lager zeigt. Darüber hinaus erhält man Informationen zu allen relevanten Fragen, sei es zu Ideologie, Organisation oder Strategie der Partei. Die Betrachtungen zur Wählerbasis sind ein wenig knapp geraten, liefern aber durchaus einen interessanten Einblick in die gesellschaftliche Unterstützung von „Chrysi Avgi“. Für seine These, wonach die Partei Beziehungen zum „Tiefen Staat“ habe, fehlt es aber an ausführlicheren Belegen und Einschätzungen. Indessen liegt mit dem journalistischen Buch, das trotz genauer Belege keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, ein überaus informatives Werk zum Thema vor.