Esther Bejarano: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts

März 2014
Doris Hermanns, AVIVA Berlin

Sehr lebendig und anschaulich erzählt Esther Bejarano in ihren Erinnerungen aus ihrem Leben. Geboren wurde sie am 15. Dezember 1924 in Saarlouis, der Vater war Oberkantor der Jüdischen Gemeinde, die Mutter sorgte für die Familie. Wie damals in gutbürgerlichen Familien üblich, erhielt Esther Loewy, wie sie zu dieser Zeit noch hieß, bereits als Kind Klavierunterricht. Musik spielte eine große Rolle in ihrer weltoffenen Familie und sie erlebte eine glückliche und unbeschwerte Kindheit. Diese sollte jedoch mit der Machtübernahme der Nazis enden. Sie nahm zwar noch an der Vorbereitung für die "Alijah", der Einwanderung nach Palästina teil, wurde aber 1941 im Zwangsarbeitslager Neuendorf interniert und 1943 nach Auschwitz deportiert. "Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern." Als Musikerin überlebte sie im dortigen Orchester: es gab zwar kein Klavier, aber es gelang ihr auf Anhieb, Akkordeon zu spielen, wodurch sie dennoch als Musikerin aufgenommen werden konnte.

Die Schrecken, die sie dort erlebte, sollten sie nie wieder loslassen: "Man kann das Erlebte nie vergessen, am meisten erinnert man sich an ganz gravierende Erlebnisse. Eines davon sind die Züge, die ins Gas fuhren." Während eines Todesmarsches gelang ihr im April 1945 zusammen mit einigen Freundinnen die Flucht und noch im gleichen Jahr wanderte sie nach Palästina aus. Ausführlich beschreibt sie ihr Leben im späteren Israel, wo sie ihre Schwester wiedertraf und neben der Arbeit in einer Zigarettenfabrik Gesangstunden nahm. Die Aufnahme in den israelischen Künstlerverband wurde ihr jedoch verwehrt, da sie Mitglied in einem kommunistischen Arbeiterchor war. Dadurch war es ihr nicht möglich, von ihrer Musik zu leben. Sie lernte im Land ihren Mann kennen und mit ihm und den beiden gemeinsamen Kindern wanderte sie nach Deutschland aus. Dabei spielten neben gesundheitlichen Gründen auch die politische Entwicklung Israels eine Rolle.

Aber zusammen mit ihrem Mann glaubte sie, die Angst vor den Deutschen verlieren zu können. Und es gelang ihnen dann auch, in Hamburg eine neue Existenz aufzubauen: "Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein ganz großes Glück, ein unheimliches Glück." Politischer Aktivismus ist ihr bis heute selbstverständlich: "Als politisch interessierter Mensch muss ich sehen, was geschieht, und dagegen kämpfen." In den 1970er Jahren fing Esther Bejarano mit ihrer ersten Musikgruppe Siebenschön an, in den 1990er Jahren mit Coincidence. Seit 2009 ist sie Mitglied der Rap-Band Microphone Mafia, in der drei Generationen mit drei verschiedenen Religionen zusammen spielen und durch gelebtes Miteinander nicht nur gegen Faschismus antreten, sondern auch für Toleranz. Auf dem Programm der Gruppe stehen Lieder aus dem jüdischen Widerstand, von Brecht und Theodorakis, französische und israelische antimilitaristisch-pazifistische Lieder und Lieder aus dem italienischen Widerstand. Sie werden in verschiedenen Sprachen gesungen und als Rap neu interpretiert. Neben ihren Konzerten leistet Bejarano heute Aufklärungsarbeit in Schulen und setzt sich als Zeitzeugin für Erinnerungsarbeit ein.

Ihre Herausgeberin Antonella Romeo schreibt über sie im Vorwort "Das Mädchen mit dem Akkordeon": "Sie hat ein klares Urteil über das vergangene und aktuelle Zeitgeschehen, aber sie spricht immer nur über das, was sie erlebt hat und was sie genau kennt." Ergänzt werden die geschriebenen Erinnerungen nicht nur von den zahlreichen Fotos in dem Buch, sondern auch durch die beiliegende CD. Darauf gibt es Szenen aus ihrem Leben zu sehen, aber auch kurze Ausschnitte ihrer Auftritte, sowie Interviews mit Esther Bejarano. In der Kombination mit den Bildern und der Musik wird ihre Lebensgeschichte noch lebendiger und bekommt zusätzliche Dimensionen zu dem geschriebenen Wort. Neben einem Vorwort der Herausgeberin findet sich noch ein Interview-Teil mit ihr nach Bejaranos Erinnerungen, in dem deren persönliche Erfahrungen in einen breiteren historischen und politischen Zusammenhang gestellt werden.

AVIVA-Tipp: "Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts" ist die beeindruckende Lebensgeschichte einer Frau, die nicht nur Auschwitz überlebt hat, sondern ihr Leben lang eine politische Aktivistin ist, wobei Musik eine wesentliche Rolle spielt.

Zur Autorin: Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren. Die Tochter eines Oberkantors verschiedener jüdischer Gemeinden war ab 1941 im Zwangslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree interniert und wurde am 20. April 1943 mit allen anderen InsassInnen des Arbeitslagers und mehr als eintausend weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte Auschwitz als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem sogenannten "Mädchenorchester von Auschwitz". Von Auschwitz nach Ravensbrück verbracht, konnte sie auf einem der folgenden Todesmärsche fliehen. Esther Bejarano ist seit Jahrzehnten im Kampf gegen Alt-Nazis und Rechtsradikalismus aktiv, in öffentlichen Reden, Stellungsnahmen, Schulbesuchen und als Mitglied verschiedener Musikgruppen, derzeit mit der antifaschistischen und antirassistischen Rap-Band Microphone Mafia. Sie wurde inzwischen mit zahlreichen Ehrungen bedacht und lebt in Hamburg. (Verlagsinformationen)

Mehr Infos zur Band Microphone Mafia unter: www.microphone-mafia.com

Zur Herausgeberin: Antonella Romeo wurde 1962 in Turin geboren. Sie ist freie Journalistin und Autorin und hat 17 Jahre in Hamburg gelebt, wo sie unter anderem für Die Zeit und für Radio Colonia (WDR) gearbeitet hat. Von ihr ist das Buch La deutsche Vita erschienen (Hoffmann und Campe, 2004). Sie lebt seit 2007 wieder in Italien.