Laika Verlag

 

Laika Verlag

Ein Exempel

29.04.2010
junge Welt

Der LAIKA-Verlag wurde 2008 von dem Journalisten, Verleger und Filmproduzenten Willi Baer, von Carmen Bitsch und Karl-Heinz Dellwo gegründet. Mit der »Bibliothek des Widerstands«, einer Reihe von DVD-Dokumentationen, verfolgt er das Anliegen, im Widerspruch zur offiziellen Geschichtsschreibung eine Neubewertung der weltweiten sozialrevolutionären Bewegungen von Mitte der sechziger Jahre bis in die Gegenwart zu ermöglichen, indem man die Dinge nicht aus der Sicht der Prügelnden, sondern aus der der Geprügelten schildert. Bislang wurden die Lizenzen von mehr als 60 Filmen erworben, die teilweise aufwendig rekonstruiert werden müssen, und drei Dokumentationen sind bereits erschienen. Den DVDs sind jeweils über hundert Seiten lange Booklets beigegeben, welche die historischen Ereignisse und politischen Bewegungen zusätzlich ausführlich behandeln.

Den Anfang der Reihe machte die DVD »Der 2. Juni 1967«, in welcher die Filme »2. Juni 1967« und »Der Polizeistaatsbesuch« sowie Mitschnitte der Berichterstattung über den Mord an Benno Ohnesorg aus der DDR-Nachrichtensendung »Aktuelle Kamera« und vom SFB zu sehen sind. »2. Juni 1967« basiert auf Material, welches Thomas Giefer während der Demonstrationen gegen den Besuch des Schah von Persien, Reza Pahlavi, in Berlin selbst gedreht hatte. Dieses wurde von ihm und Hans-Rüdiger Minow mit weiteren Film- und Fotoaufnahmen zu einer eigenständigen Dokumentation im Stil der Nouvelle vague verschmolzen und war nie in ARD oder ZDF zu sehen. Sie zeigt, wie an diesem Tag vor dem Rathaus in Schöneberg die Polizei tatenlos zusieht, wie die mit Bussen angekarrten Schahanhänger, die sich auch aus Schlägertruppen des iranischen Geheimdienstes rekrutierten, mit Gummiknüppeln, Totschlägern und Dachlatten auf die Sprechchöre skandierenden und Plakate hochhebenden Demonstranten losgehen. Nach einiger Zeit läßt sich berittene Polizei blicken – um nun ihrerseits auf die friedlichen Protestierer einzuprügeln. Dies ist eine brutale Eskalationsstrategie der Berliner Polizei, die mit insgesamt 5000 Beamten in Uniform und Zivil an den unbedarften Demonstranten ein Exempel statuieren will. Am Abend werden die Demonstranten unweit der Berliner Oper noch erbarmungsloser geprügelt, wobei die Polizei die Demonstration nach dem berüchtigten Leberwurstprinzip teilte, und gezielt »Rädelsführer« aus der Menge reißt, festnimmt und mit Gummiknüppeln malträtiert. 200 Studenten werden an diesem Abend z.T. verletzt, einige Krankenhäuser weigern sich, die Verletzten zu versorgen. In einem Hinterhof wird Benno Ohnesorg niedergeknüppelt, in den Hinterkopf geschossen und tödlich verletzt weiterverprügelt. Später wird dem Toten das Projektil aus dem Schädel entfernt und die Schußwunde zugenäht, weshalb direkt nach dem Mord berichtet wird, es hätte gar keinen Erschossenen gegeben. Verschiedene Akteure wie der scheinbar gerade einem Irrenhaus entflohene Rudi Dutschke und Rainer Langhans kommen zu Wort, ein Korrespondent des britischen Observer schildert das niederträchtige Vorgehen der Polizei und zu guter Letzt werden auch die Prügelpolizisten gezeigt, welche vom Filmteam anhand von Fotos ausfindig gemacht und auf offener Straße um einen Kommentar gebeten wurden. Diese sind sichtlich irritiert und verweigern jegliche Auskunft. Die Kamera wird hier als Waffe der Aufklärung benutzt und vom Gegenpart auch so verstanden. Johannes B. Kerner und Sat.1 waren eben noch nicht erfunden.

Der Film »Der Polizeistaatsbesuch« von Roman Brodmann war ursprünglich als Beitrag für die Fernsehreihe »Zeichen der Zeit« im Süddeutschen Rundfunk gedacht und zeigt erst einmal die absurden Dimensionen der Schahvisite. Während Mohammad Reza Pahlavi sein Land, in dem eine Analphabetenquote von 85 Prozent herrscht, mit dem Hackebeil regiert, üben die weiblichen Pagen in einem deutschen Hotel schon mal germanisch-verzückt den Hofknicks. Der Regent wird von der deutschen Sicherheit als »gefährdete Person« eingeschätzt und erfährt eine Sonderbehandlung, auf die auch König Ludwig II. stolz gewesen wäre: Insgesamt sind auf den verschiedenen Stationen des Besuchs 30000 Polizisten im Einsatz. Autobahnen, von Polizeikräften gesäumt, werden gesperrt. Oppositionelle Iraner müssen in Bayern den Freistaat vier Tage lang auf eigene Kosten verlassen. Den Musikern eines Orchesters werden vor dem Konzert die Musikinstrumente in Einzelteile zerlegt. Es könnte ja eine Bombe im Kontrabaß versteckt sein. Der iranische Herrscher trägt eine Panzerweste, beim Besuch eines Thyssen-Werks wird ihm als Zeichen seiner Auserlesenheit ein gülden angestrichener Bauarbeiterhelm aufgesetzt. Dies alles wird auf ironische Weise treffend kommentiert. Danach sieht man Rotkreuzschwestern erschöpften Jubelpersern Tee ausschenken. Der Film schildert dann den beinahe vertuschten Mord an Benno Ohnesorg und präsentiert eine mit ihrem Einsatz sichtlich zufriedene Polizei. Die »Aktuelle Kamera« zeigt Berliner Bauarbeiter, die am Tatort einen Kranz niederlegen. Weiter sehr aufschlußreich ist auch das Booklet, welches einerseits die ganze Perfidie des Polizeieinsatzes aufschlüsselt, anderseits den Gründen nachspürt und dabei die These aufstellt, daß der vermeintliche Mitverantwortliche des Mords, der damalige sozialdemokratische Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, dessen Anweisungen im Vorfeld des Besuchs ignoriert worden waren und der in Unkenntnis der realen Vorgänge am 3. Juni die berüchtigte Erklärung abgab, »die Polizei« hätte »sich bis an die Grenzen der Zumutbarkeit zurückgehalten«, möglicherweise das Opfer einer Intrige innerhalb der SPD war.
 

»2. Juni 1967«, Regie: Thomas Giefer/Hans-Rüdiger Minow, BRD 1967, 47 Minuten * Mediabook DVD/Buch, 100 Seiten, 24,90 Euro

»Der Polizeistaatsbesuch«, Regie: Roman Brodmann, BRD 1967, 44 min (LAIKA-Verlag)

Filmvorführung und Diskussion in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin (Nähe Rosa-Luxemburg-Platz), am Montag, 3. Mai um 19 Uhr mit Karl-Heinz Dellwo, Till Meyer und Dietmar Koschmieder

 

(c) junge Welt