Besprechung zu Rudi Dutschke/ Aufrecht gehen - 1968 und der libertäre Kommunismus

7. Januar 2013
Helge Buttkereit, junge Welt

Rückbesinnung nach vorn

Filme und Texte von und über Rudi Dutschke in einem Band der »Bibliothek des Widerstands«

Von Helge Buttkereit

 

Die Bücher der Reihe »Bibliothek des Widerstands« liefern oft eine Einleitung ins jeweilige Thema. Sie ordnen die auf DVD beigelegten Filme ein und erläutern sie für die heutige Zeit. Meist ist es deshalb für Uneingeweihte sinnvoll, zunächst das Buch zu lesen, dann die Filme zu schauen. Hiervor sei für Band 12 »Rudi Dutschke – Aufrecht gehen. 1968 und der libertäre Kommunismus« abgeraten. Wer von Dutschke nur das Bild des Mannes mit dem Strickpullover und dem Megaphon hat, sollte zuerst die Filme ansehen. Hier leiten sie in den Text ein.

Popularität und Vorurteile

Zu sehen ist zum einen das berühmte Fernsehinterview, das Günter Gaus am 3. Dezember 1967 mit Dutschke führte. Der damals 27jährige konnte sich zum ersten Mal einer wirklich breiten Öffentlichkeit vorstellen. Das Gespräch ist immer wieder sehenswert und ein gutes Argument gegen die Diffamierungen, die immer wieder gegen Dutschke vorgebracht werden. Des weiteren ist das bewegende Dutschke-Porträt seiner einstigen WG-Genossin Helga Reidemeister auf den beiden DVDs enthalten (»Aufrecht gehen«, 1988). Schließlich gibt es noch zwei weitere Porträts des Studentenführers: Ein jüngeres, zur Einleitung eher ungeeignetes, von Autor und Filmemacher Jürgen Miermeister von 1998 sowie ein zeitgenössisches aus dem Jahr 1968. Es zeigt Dutschke auf dem Höhepunkt seiner Popularität wenige Tage vor dem Attentat auf ihn am 13. April 1968. Dieser Film von Wolfgang Venohr ist schon deshalb ein sehr wichtiger Bestandteil des Bandes, weil Dutschke in ihm wiederum lange und ausführlich selbst zu Wort kommt und Venohr ihn mit vielen Vorurteilen konfrontiert – eine wertvolle Wiederentdeckung, die lange nicht zugänglich war. Sie enthält viele bekannte Passagen, die hier ungeschnitten und im Kontext zur Geltung kommen.

Das äußerst umfangreiche Buch ist zweifellos interessant, wenn auch nicht einfach zu verdauen. Es enthält zum einen Originaltexte Dutschkes, von denen insbesondere sein Referat auf dem Seminar des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Oberreifenberg aus dem Jahr 1966 von besonderem Interesse ist. Es gehört zu seinen vielen Ausarbeitungen und Fragmenten, die im Nachlaß versteckt sind. Aus ihm wurden bis heute leider nur wenige Teile veröffentlicht. Sie zeugen davon, daß Dutschke viel mehr als der charismatische Rhetoriker war, zu dem er gemeinhin gemacht wird. Seine praktische Politik war immer als eine Konsequenz fundierter Analysen zu verstehen. Der Seminartext zeigt paradigmatisch die Art des Umgangs Dutschkes mit der Geschichte von Theorie und Praxis der Revolution und sein Ringen – ausgehend von Karl Korsch und Georg Lukács – um einen aktualisierten, selbstkritischen Marxismus.

Wiederentdeckung

Diese Rückbesinnung nach vorn ist Kern von Dutschkes gesamtem Werk. Dabei ist es sicher zu kurz gegriffen, Dutschkes Verdienst vor allem in der Wiederentdeckung der durch die Nazis verschütteten reichhaltigen undogmatischen marxistischen Literatur zu sehen. Diese Interpretation legt der Haupttext des Buches von Helmut Reinicke, einem Weggefährten Dutschkes nahe. Er geht von Dutschkes »Bibliographie des revolutionären Sozialismus« (der Text ist ebenfalls enthalten) aus dem Jahr 1966 aus und will von daher die verschiedenen Stränge des Denkens und Handelns Dutschkes und der Studentenbewegung der 1960er Jahre fassen. Dabei verliert sich der Autor allerdings in seiner umfassenden Belesenheit, schweift immer wieder ab und verbaut dem noch unerfahrenen Leser so den Weg hin zur Darstellung der Revolutionstheorie Dutschkes, die zum besten Teil des Buches gehört.

In ihr wird klar, daß Dutschkes Denken mit den Enttäuschungen der revolutionären Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts beginnt, die von Fortschrittsoptimismus und der Überzeugung von einer objektiven Dialektik des Geschichtsprozesses geprägt waren. Das war nach den Erfahrungen des Faschismus, aber z.B. auch der Moskauer Prozesse, nicht mehr haltbar. Mit Dutschke und der Bewegung der 1960er Jahre trat die Theorie, wie Reinicke schreibt, aus dem »Gehäuse des Fortgangs der Produktionsverhältnisse heraus – die traditionelle Arbeiterbewegung – und thematisiert sich als praktische Erkenntnis«. Damit sei klar geworden, daß die proletarische Revolution das Proletariat und die Lohnarbeit selbst abschaffen müsse: »Die Revolution ist nicht nur Negation der Negation, also des Kapitalverhältnisses, sondern zugleich die Selbstnegation.« Daß Dutschke auch darüber nachdachte, welche Form die Selbstnegation konkret haben könne, fehlt leider in Reinickes stark assoziativem Text, ebenso wie die Tatsache, daß sich diese Überlegungen auf der Basis einer christlichen Grundüberzeugung entwickelten. So ist zwar die Würdigung Dutschkes zu loben, die wenig zu ihm hinführende Form der Darstellung erschwert aber Einsteigern den Zugang. Dem wird allerdings durch die Filme, durch die Texte Dutschkes sowie durch das umfangreiche Glossar (50 Seiten) abgeholfen. Deswegen lohnt sich die Anschaffung dieses Bandes auf jeden Fall.