Laika Verlag

 

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Besprechung: Gewalt. Sechs abseitige Reflektionen

12. November 2012
Alexander Struwe, pw-portal

Gewalt. Sechs abseitige Reflektionen. Aus dem Englischen von Andreas Leopold Hofbauer

Statt in den humanistischen Chor der Empörung gegenüber jeglicher Gewalt einzustimmen, setzt Žižek auf eine tiefgreifende Analyse der Situation, in der sich der Mensch dem Drang, irgendetwas tun zu müssen, widersetzt. Žižek deutet so einen Erkenntnisweg an, der verstehen lässt, dass die vermeintlich post-ideologische, liberale Sorge um die humanitären Katastrophen unserer Zeit gerade eine Triebkraft des Kapitalismus inkarniert, die diese Probleme erst hervorbringt. Man müsse sich also von den Ansichten der „Liberalkommunisten“ (39), die zwischen Ausbeutung und Fürsorge keinen Widerspruch sehen, oder einer toleranten Ethik, die den Nächsten in einer fetischistischen Verleugnung brutal ausschließen muss, entschieden abwenden.

So werde der Blick frei auf Gewalt als ein strukturimmanentes, schon in der Sprache angelegtes Phänomen. Diese Sicht erlaubt es Žižek, fundamentalistische Gewaltausbrüche als Exzess der verdrängten „Antinomien der liberalen Vernunft“ (97) zu deuten, Empörungen über Ausschreitungen und humanitäre Katastrophen als Legitimationsstrategien für ein Mehr der eigentlichen Ursache zu entlarven und schließlich auch zu verdeutlichen, dass durch die ideologisierte Tabuisierung von Gewalt jedes emanzipatorische Potenzial darin verlustig geht. Aus sechs Blickwinkeln in diesem Sinne unternimmt er einen Streifzug durch die Tiefen der liberalen Ideologie und ihrer Gewaltphänomene – von terroristischen Anschlägen bis zu gewalttätigen Ausschreitungen in französischen Vorstädten –, vom Nahostkonflikt bis zum 11. September 2001.

Dabei steht immer wieder im Vordergrund, dass die allzu (vor)schnelle Handlung nur ein Rad in der Maschine ist – so wie das „Licht am Ende des Tunnels […] zum Zug gehört, der mit voller Fahrt auf uns zu donnert“ (14) – und es eines wahrhaftig politischen Aktes außerhalb der Koordinaten des herrschenden Diskurses bedarf und der in diesem Sinne notwendig gewalttätig sein muss. Diese Benjamin’sche Form der göttlichen Gewalt sieht Žižek eben auch in der Weigerung zum unmittelbaren (Mit-)Machen, denn „[m]anchmal ist nichts zu tun die äußerste Gewalt“ (187).

Alexander Struwe