Laika Verlag

 

Laika Verlag

Besprechung Christoph Meueler

10.02.2010
junge Welt

Keine Gleichgültigkeit mehr

Geschichte ist kein Sachzwang-Knigge: Im März startet die »Bibliothek des Widerstands« mit linken Dokfilmen

Christof Meueler

Für »Freiheit und Liebe«. Für die »Wahrheit«. Für das »Paradies«. Aber auch »milde Ener gieformen« nicht vergessen! Das sagen junge Erwachsene in Griechenland, wenn sie gefragt werden, was für eine Welt sie wollen. Aufgenommen in der Vorweihnachtszeit 2008, nachdem Sondereinheiten der Athener Polizei den 15jährigen Schüler Alexandros Grigoropoulos am 6.Dezember erschossen hatten. Daraufhin wurde in Athen die Universität besetzt, Schüler und Studenten strömten massenhaft auf die Straße und manche griffen Polizeistationen an, nicht nur in der Hauptstadt, sondern im ganzen Land. An die Wände sprühten sie Slogans wie »Wir wollen keine Gleichgültigkeit mehr« oder »Aus der Leiche der Macht wird die menschliche Freiheit entstehen!« Zu sehen in dem Dokumentarfilm von Kostas Kolimenos»Schrei im Dezember«, einem poetisch-politischen Roadmovie der von Demonstrationen, also der Bewegung, der Wut und der Phantasie handelt. In einer sehr beeindruckenden Szene entblößen Demonstranten mitten im Winter ihre Oberkörper und knien mit verschränkten Armen auf dem Rücken vor einem Polizeisparlier nieder, als wären sie gefesselt. Einer ruft den waffenstarrende Polizisten zu: »Ihr seid auch Jugendliche, aber ihr kapiert nichts!«

 

Von Griechenland wird hierzulande viel zu wenig geredet. Wenn überhaupt, träumen entschiedene Linke von »französischen Verhältnissen«, das heißt von punktuell militanten Arbeitskämpfen. Das ist auch gar nicht verkehrt, doch die Tatsache, daß in Griechenland vor dem Hintergrund von Inflation, Verarmung und Massenarbeitslosigkeit eine explizit linksradikale, antiautoritäre Jugendbewegung entstanden ist, vergleichbar mit den »Stadtindianern« und Hausbesetztern im Italien Ende der 70er Jahre, gerät so leider aus dem Blick. Bewußtseinserweiternd könnte die »Bibliothek des Widerstands« werden, eine neue DVD-Filmreihe, die vom Hamburger Laika-Verlag produziert und von der Tageszeitung junge Welt mitherausgegeben und vertrieben wird. In ihr erscheint »Schrei im Dezember«, ab März erhältlich. Und zwar nicht nur als bloße DVD, sondern als »Mediabook« – ein 100seitiges Booklet liefert Hintergrundinfos zum politischen Weiterdenken.

 

Der Laika-Verlag besteht aus dem Filmer und früheren Gefangenen aus der RAF Karl-Heinz Dellwo, dem ehemaligen Hollywood-Produzenten Willy Baer und der Germanistin und Lateinamerikawissenschaftlerin Carmen Bitsch. Entstanden ist das Projekt, als Dellwo und Baer 2008 einmal Erbsensuppe essen waren, die ihnen nicht schmecken wollte, weil sie sich im Gespräch so über den Flach- und Schwachsinn im Jubiläumsjahr für 1968 ärgerten. Für sie war das eine einzige Verdrehungs- und Verdrängungsoper, kulturindustriell geformt und reaktionär codiert. Aly, Cohn-Bendit, Koenen, Aust, Kraushaar und wie sie alle heißen überboten sich gegenseitig mit ihren Räuberpistolen und Distanzierungsbefehlen, um emanzipatorische Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Zeit in die Tonne zu treten. Wenn man dieser Koalition der Billigen und Willigen etwas entgegensetzen will, zeigt man am besten, wie es wirklich war – mit Dokumentarfilmen als historische Downloads aus den jeweiligen Situationen zugespitzter sozialer und politischer Auseinandersetzung. »Die 100 wichtigsten Filme des Widerstands seit 1967« will der Laika-Verlag in den nächsten acht Jahren präsentieren, das reicht von den Black Panthers über Chile-Solidarität bis zu den G-8- und NATO-Gipfelgegnern von heute. Um zu zeigen, daß die Interpretation von Geschichte kein Sachzwang-Knigge ist, sondern daß es immer Alternativen gibt. Filme als Form der Selbstermächtigung, als Beispiele, wie sich Menschen dagegen wehren, für dumm verkauft zu werden. Man kann diese Filme als »Mediabook« einzeln erwerben oder als Reihe abonnieren.

 

Neben »Schrei im Dezember« gibt es am Anfang ein Mediabook über Angela Davis und eins über den 2. Juni 1967. Davis wurde in den USA als Kommunistin, als Schwarze und als Frau (in dieser Reihenfolge) verfolgt und nach einer Counter-Intrige eingeknastet, kam nach weltweiten Protesten wieder frei und engagiert sich heute als Professorin für Gesellschaftswissenschaft unter anderem gegen die Ausbeutung in der Gefängnisindustrie. In »Angela Davis – Eine Legende lebt« zeigen Christel Priemer und Ingeborg Weber, wie Davis, die 1991 wegen »mangelnder innerparteilicher Demokratie« aus der KP austrat, öffentlich Konzerne wie IBM, Honeywell oder Microsoft anprangert, weil sie Gefangene für 5,25 Dollar im Monat für sich arbeiten lassen. Zusätzlich gibt es »Angela Davis – Portrait of a Revolutionary« von Yolande DuLuart, einen Film aus dem Umfeld der Black Panther von 1969, den Laika mühsam restauriert hat: Es existierte noch eine einzige Kopie und zwar in sieben Teilen an fünf verschiedenen Orten.

 

Die ganze Kraft des Faktischen des aufklärerischen Dokumentarfilms kann man in dem »Mediabook« über den 2.Juni 1967 spüren. Bekanntlich besuchte an diesem Tag Mohammed Reza Pahlavi, Schah von Persien, Westberlin. Bei den Demonstrationen dagegen erschoß die Polizei den Studenten Benno Ohnesorg. Den ersten Film darüber drehten 1967 Thomas Giefer und Hans-Rüdiger Minow im Auftrag des AStA der FU Berlin ein bißchen im damaligen Stil von Jean-Luc Godard. Man sieht mehrfach die Spruch tafel »Polizei«, später dann »Angriff« und »Flucht«, man sieht die jungen Bahman Nirumand, Rudi Dutschke und Rainer Langhans über diesen Tag sprechen, aber vor allem sieht man von den Filmern ausfindig gemachte Polizisten, die darüber nicht sprechen wollen, gerade weil ihnen Fotos gezeigt werden, auf denen sie Studenten malträtieren. Eine Zeugin erzählt, daß auf Ohnesorg noch eingeschlagen wurde, als er nach einem Schuß in den Hinterkopf, abgegeben von der Skandalfigur Karl-Heinz Kurras, tödlich verletzt am Boden lag.

 

Der Polizeibeamte Kurras wurde dafür nicht bestraft, statt dessen finanzierte ihm die Gewerkschaft der Polizei eine Klage gegen Studenten wegen Verleumdung, weil er von ihnen als »Mörder« bezeichnet wurde. Kurras sei »das erste Opfer der Gewalt in dieser Stadt« führte sein Rechtsanwalt Gerd Joachim Roos aus, dokumentiert in den absolut sehenswerten »Extras« dieses »Mediabooks«. Der damals Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz bilanzierte gegenüber dem SFB-Fernsehen, daß die Polizei »sich bis an die Grenzen des Zumutbaren zurückgehalten« hätte – Giefer/Minow zitieren Kurras: »Wenn ich gezielt geschossen hätte, wie es meine Pflicht gewesen war, wären mindestens 18 Menschen tot gewesen.« In der »Aktuellen Kamera« des DDR-Fernsehens sah man dann die Protestschilder, die das SFB nicht zeigen wollte, wie zum Beispiel »SS-Truppe Polizei«. Auch im offiziellen Kommentar war von »Polizeiterror« und der »Ermordung« von Benno Ohnesorg die Rede. Und es wurden sogar Bauarbeiter (in der Propaganda der Springerpresse die Hauptfeinde der Studenten) gezeigt, die an der Stelle in der Krummen Straße, an der Ohnesorg erschossen wurde, Kränze niederlegten – mit roter Schleife.

 

Und als der Schah von Persien auf seinem Staatsbesuch auf der nur für ihn gesperrten Autobahn durch die BRD fuhr, sah er »als normales deutsches Landschaftsbild: Polizei, Polizei, Polizei«, heißt es in dem brillanten, süffisant-analytischen Fernsehfilm »Der Polizeistaatsbesuch – Beobachtungen unter deutschen Gastgebern«, den Roman Brodmann 1967 für den Süddeutschen Rundfunk drehte. Wenn der Schah eine Fabrik besichtigte, trug er einen goldenen Helm zur obligaten Panzerweste. Auf Schloß Brühl wartet auf ihn ein Hammel »ausgebeint und zusammengerollt«, aber in »kleinen Mengen«. Die später unter Aufsicht der Polizei die Demonstranten verprügelnden Jubelperser in Westberlin bekommen vom Roten Kreuz Tee zu Stärkung ausgeschenkt. Bei einem Besuch von Brodmann im Westberliner Polizeihauptquartier besteht die »Genugtuung, daß man alles fest im Griff hat«. Genau gegen solcherlei Genugtuung richtet sich die »Bibliothek des Widerstands«.

 

Bibliothek des Widerstands. Mediabook 1: »2.Juni 1967«, Regie: Thomas Giefer/Hans Rüdiger Minow, BRD 1967, 50 min; »Der Polizeistaatsbesuch«, Regie: Roman Brodmann, BRD 1967, 44 min, auf DVD bei Laika/junge Welt

Bibliothek des Widerstands. Mediabook 2: »Angela Davis – Eine Legende lebt«, Regie: Christel Priemer/Ingeborg Weber, BRD 1998, 79 min; »Angela Davis – Portrait of a Revolutionary« (Foto), Regie: Yolande DuLuart, USA 1969, OmU, 60 min, auf DVD bei Laika/junge Welt

Bibliothek des Widerstands. Mediabook 3: »Schrei im Dezember«, Regie: Kostas Kolimenos, Griechenland 2008, OmU, 48 min, auf DVD bei Laika/junge Welt

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