23.01.2012
Presseerklärung vom Laika-Verlag

Presseerklärung des LAIKA-Verlages
Im aktuellen SPIEGEL wird von neuen Untersuchungen zum Tod von Benno Ohnesorg berichtet. »Neue Ermittlungen der Bundesanwaltschaft«, so heißt es, ergeben, »dass Kurras den Schuss offensichtlich unbedrängt aus nächster Nähe und umgeben von mehreren Polizisten abgegeben hat«.


Der LAIKA-Verlag möchte daran erinnern, dass Berliner Studenten am 3. Juni 1967 an der Freien Universität einen Untersuchungsausschuss gegründet hatten. Dort wurden Augenzeugenberichte, Fotografien und andere Unterlagen gesammelt. Passanten und Zeugen wurden für diesen Ausschuss von Studierenden befragt. Insgesamt liegen über 650 schriftliche Berichte, 100 Tonbandaussagen, ca. 600 Fotografien und dazugehörige Identifizierungslisten und vieles andere mehr vor. Mitglieder dieses studentischen Untersuchungsausschusses zum Tod von Benno Ohnesorg, darunter das spätere RAF-Mitglied Holger Meins, zogen aus dem Material schon damals den Schluss, dass es sich um einen gezielten Schuss handelte und äußerten die Vermutung, dass die Polizisten die Zielperson verwechselten, die sie ermorden wollten. Die Vermutung war, dass die Schützen Thomas Giefer, der Benno Ohnesorg zum Verwechseln ähnlich sah und schon lange die Aufmerksamkeit des Staatsschutzes wegen seiner dokumentarischen Filmarbeit auf sich gezogen hatte, im Visier hatten.

In der BIBLIOTHEK DES WIDERSTANDS des LAIKA-Verlages ist unter dem Titel Der 2. Juni 1967 ein Band mit beiliegenden Dokumentarfilmen, u.a. von Thomas Giefer, erschienen. In diesem Buch analysiert neben anderen der Historiker Uwe Soukup das Geschehen vom 2. Juni 1967 in Berlin. Das Buch stellt sich gegen die vor zwei Jahren aufkommenden geschichtsrevisionistischen Bemühungen, den Mord an Benno Ohnesorg ursächlich auf die DDR abzuschieben. Dieser Mord erweist sich heute jenseits der offiziell beliebten »Einzeltäterschaft« als umfassender Plan der Polizei- und Staatsschutzbehörden Westberlins. Der Mord an Benno Ohnesorg wurde durch Polizeibehörden und Justiz, durch Politiker und – vor allem – die Springermedien gedeckt, die damit eine Art politische Mittäterschaft übernahmen.


Die neue Erkenntnis, dass Kurras zugleich DDR-Agent war, wollten auch ehemalige Linke in eine Entlastung der Nachkriegs-BRD ummünzen; eine Nachkriegs-BRD, die immer noch von einer altnazistisch geprägten, autoritätswilligen und latent gewaltbereiten Mehrheitsgesellschaft geprägt war. Das Bedürfnis, sich die eigene Anpassung in dieser Gesellschaft selbst zu verschönern, mag verständlich sein. Richtig ist aber auch die Erkenntnis von Herbert Marcuse, dass für viele der jungen Generation die Integration in diese Gesellschaft »physisch und psychisch«unmöglich war. Richtig ist deshalb auch, dass viele gar nicht anders konnten, als sich mit ihrem ganzen Leben gegen diese damalige Gesellschaft zu stellen.

Die Herausgeber der BIBLIOTHEK DES WIDERSTANDS
Willi Baer / Karl-Heinz Dellwo