Rezension im Deutschlandfunk, Sendung »Andruck – Das Magazin für Politische Literatur« vom 06.02.2012
Von Ingo Petz
Er wurde schon als „gefährlichster Philosoph des Westens“ bezeichnet und als „Superstar der neuen Linken“. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek selbst hält sich für einen „Linksradikalen“ und „altmodischen Marxisten“.
Sicher ist nur eins: Žižek ist ein Autor, vor dem kein Thema sicher ist. Er äußert sich zu Toleranz und Revolution
zu Kino und Pop zu Psychoanalyse und Christentum. In Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise ist er als radikaler Denker gefragter denn je. Als er im Herbst vergangenen Jahres in New York auftrat, lauschte die Occupy Bewegung andächtig jedem seiner Worte. Er selbst ermunterte seine Anhänger: „Wir sind keine Träumer. Wir sind die Erweckung aus einem Traum, der sich in einen Albtraum verkehrt.“ Zitat Ende. Doch aus diesem Traum von einer besseren Welt ist Slavoy Zizek schnell wieder erwacht – und er ist gelangweilt. „Dieser Hippie-Scheiß ist so öde“, urteilte er über die Banken-Gegner vor kurzem in der Welt am Sonntag. Ingo Petz über zwei Bücher eines Mannes, der auch schreibend provoziert:
Autor
Ein Witz ist ein guter Wegbereiter. Er schafft Leichtigkeit. Vor allem, wenn er zu Anfang eines theoretisch-philosophischen Buches über die Verfehlungen der Linken im 20. Jahrhundert steht. Das weiß natürlich auch Slavoj Žižek als schlagfertiger Haudrauf-Hexenmeister des zeitgeistigen linksradikalen Denkens. Also beginnt er sein Buch „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs.“ mit einer Anekdote, die sich die Ostblock-Dissidenten zur Zeit des real existierenden Sozialismus erzählten. Um sich – wie Žižek anmerkt, die Nutzlosigkeit ihres Protestes zu verdeutlichen.
Zitat
„Im von den Mongolen besetzten Russland des 15. Jahrhunderts geht ein Bauer mit seiner Frau eine staubige Landstraße entlang; plötzlich kommt ein mongolischer Krieger angeritten, hält neben ihnen und teilt dem Bauern mit, er werde jetzt seine Frau vergewaltigen; außerdem verlangt er: „weil der Boden so staubig ist, sollst du meine Hoden hochhalten, während ich deine Frau vergewaltige, damit sie nicht schmutzig werden!“ Als der Mongole fertig ist und wieder weg reitet, fängt der Bauer auf einmal an zu lachen und Freudensprünge zu machen. Die überraschte Ehefrau fragt ihn: „Wie kannst du Freudensprünge machen, wo ich gerade in deiner Gegenwart brutal vergewaltigt worden bin?“ Der Bauer antwortet: ,Ich hab ihn drangekriegt! Seine Eier sind voller Staub!“
Autor
Für Slavoj Žižek spiegelt der Witz das Dilemma der Dissidenten im Ostblock wider. Sie dachten, schreibt er, dass sie der Partei-Nomenklatura schwere Schläge versetzen könnten – eine Illusion. Für Žižek steckt die kritische Linke heute in einer ähnlichen Situation.
Zitat
„Die kritische Linke hat die Eier der Mächtigen in unseren Gesellschaften nur mit Staub beschmutzt; es kommt aber darauf an, sie abzuschneiden.“
Autor
Das ideologische Messer, mit dem der Autor diese Amputation umsetzen will, ist der Kommunismus:
Zitat
„Unsere Botschaft heute sollte dieselbe sein: Man darf wissen, was Kommunismus ist und sich ganz dafür einsetzen, man darf wieder ganz getreu der kommunistischen Idee handeln.“
Autor
Slavoj Žižek liebt die kalkulierte Provokation. Deswegen sollte man nicht gleich erschrecken, wenn er das Wort „Kommunismus“ in den Mund nimmt. Der Philosoph will den Kommunismus als Idee an sich nicht aufgeben. Er will ihn neue entdecken und ins 21. Jahrhundert retten. Dies soll aber nicht zur einer Widergeburt der totalitären sozialistischen Regime des 20. Jahrhunderts führen. Für Žižek ist der Kommunismus ein Denkwerkzeug, das helfen soll, eine Alternative zum Kapitalismus und zur liberalen Demokratie zu entwerfen. Dies gehe nur über radikale Ideen, so Žižek. Die westliche Demokratie aber ist für ihn unfähig, solche Ideen zu entwerfen
Zitat
„Sämtliche in der Demokratie schlummernden Gefahren haben ihren Ursprung in diesen konstitutiven Widersprüchlichkeiten des demokratischen Projekts und in den verschiedenen Versuchen, mit ihnen fertig zu werden – auf die Gefahr, dass man beim Versuch, die Unvollkommenheiten der Demokratie, das heißt ihre nichtdemokratischen Bestandteile loszuwerden, unabsichtlich die Demokratie selbst einbüßt.“
Autor
Genau diesen radikalen Ideen - und ihren Urhebern - hat Slavoj Žižek seine „bösen Geister des himmlischen Bereichs“ gewidmet. Dabei befasst er sich nicht nur mit vermeintlich linken Denkern und Praktikern wie Robbespierre, Mao Zedong oder Stalin, sondern auch mit Martin Heidegger, Carl Schmitt oder sogar Hitler. Sie kritisiert Žižek, in ihrer Radikalität nicht weit genug gegangen zu sein. Damit meint der Philosoph nicht die terroristischen Regime, die sie errichtet haben. Vereinfacht ausgedrückt: Žižek ist der Meinung, dass Widerstand, Umbruch und Revolution nicht erfolgreich sein können, wenn sie nach den Regeln des Systems ablaufen, das sie eigentlich abschaffen wollen. So werde die ursprünglich radikale Idee lediglich beschränkt. Eine neue Gesellschaftsordnung, wie sie beispielsweise den Jakobinern in der Französischen Revolution vorschwebte, könne so nicht entstehen. Er kritisiert:
Zitat
„Der egalitarische politische Extremismus oder exzessive Radikalismus sollte immer als Phänomen der politisch-ideologischen Verschiebung verstanden werden: als ein Indiz für sein Gegenteil, für eine Beschränkung, ja im Grunde für die Weigerung, bis zum Ende zu gehen. Was war die Zuflucht der Jakobiner im radikalen Terror anderes als eine Art hysterisches Abreagieren, ein Ausdruck ihrer Unfähigkeit, an den Fundamenten der Wirtschaftsordnung zu rütteln?“
Autor
Žižek will mehr Bürgerbeteiligung. Gemeingüter wie Natur, Bildung, Biogenetik oder auch Computernetzwerke sollten ausschließlich von der Gemeinschaft besessen und kontrolliert werden. Ansonsten bleibt Žižeks kommunistisches System im Vagen. Allerdings ist er auch kein Politpraktiker, sondern Philosoph. Die Aufgabe der Philosophie sei es, sagt Žižek, das radikale Andere in Debatten einzubringen. Bei Žižek ist das der Kommunismus. Der bärtige Kulturkritiker ist bekannt für seine deftigen Ausbrüche. Auch dieses Buch ist ein Ausbruch. Es ist leidenschaftlich, wild und sprunghaft in seiner Argumentation. Sprachlich und inhaltlich ist es aber nicht gerade leicht, dem wilden Ritt des Philosophen zu folgen. Etwas zugänglicher ist dagegen sein Essay „Willkommen in interessanten Zeiten!“ gehalten. Auch hier setzt sich der Pessimist Žižek für eine Neuerfindung des Kommunismus ein – und geht dabei mit der Politik der Linken hart ins Gericht. So schreibt Slavoj Žižek hinsichtlich der Krise Griechenlands und des Umgang der Linken mit dieser Krise:
Zitat
„Die Geschichte der Linken bezeugt wieder einmal die Misere der heutigen Linken: Ihre Proteste besitzen keine positiven programmatischen Inhalte, nur eine verallgemeinerte Ablehnung, den bestehenden Sozialismus zu kompromittieren.“
Autor
Die Linken, so Žižek, hätten eben keine radikalen Alternativen entwickelt, um der heutigen Krise des Kapitalismus erfolgreich begegnen zu können. Man sollte in Žižeks Büchern aber auch keine Lösungen für die Krisen unserer Zeit erwarten. Viel mehr bieten sie mal waghalsige, mal wagemutige Gedankenspiele. Žižeks Bücher sind nicht etwa ein Manifest für einen neuen Kommunismus, sondern ein Manifest für die Eigenwilligkeit des Denkens.
Moderatorin
Ein eigenwilliger Denker – gemeint ist Slavoy Žižek. Er hat das Buch geschrieben „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs –
Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert“. Es ist im Fischer Verlag mit 336 Seiten erschienen und kostet 22,95 Euro.
Willkommen in interessanten Zeiten! verheißt der zweite Titel des Autors. Der Laika-Verlag hat ihn herausgebracht. Das Buch hat 91 Seiten. Der Preis: 14,90 Euro. Unser Rezensent war Ingo Petz.
