Rezension
Terror aus der Mitte unserer Gesellschaft
Zwei Sammelbände stellen die Frage, inwiefern die Gründe für die Anschläge von Norwegen in unserer Alltagskultur zu finden sind
Als am 22. Juli 2011 eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel explodierte und Anders Behring Breivik kurz darauf auf der nahegelegenen Ferieninsel Utøya 69 Jugendliche ermordete, wurde der Angriff zuerst als Tat eines islamistischen Terrornetzwerks interpretiert. Die Verhaftung des Attentäters Breivik sowie sein Manifest machten jedoch deutlich, dass es sich hier um „homegrown terrorism“ im buchstäblichen Sinn handelt – um Terror, dessen Wurzeln in der Mitte der Gesellschaft zu suchen sind.
Zwei aktuelle Bücher setzen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Ideologie und Kontext von Breiviks Untergangsfantasien sowie den Reaktionen auf das Massaker in Norwegen auseinander und kommen zu durchaus ähnlichen Ergebnissen.
Breivik und wir
Im Buch „Vorboten der Barbarei“ beleuchten die Autoren die gesellschaftlichen Zusammenhänge und politischen Tendenzen, die Breivik zusammengesetzt hat zu einem ideologischen Amalgam aus antimuslimischem Rassismus, Antimarxismus, Antifeminismus, Kulturkonservativismus und autoritären Gesellschaftsidealen; jene Zutaten also, die als Ansporn für seine blutige Tat gedient haben.
Die Beiträge, so die Herausgeber, „sind Erwiderungen, die sagen wollen, wie notwendig es ist, den Vorboten der Barbarei, die in der Mitte unserer Gesellschaft stehen, mit kritischem Blick zu begegnen“. Die grundsätzlichen Thesen des Buchs werden vom zweiten Sammelband „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ empirisch gestützt. Dieser analysiert die mediale Berichterstattung über die Anschläge und die damit verbundene Strategien der Verdrängung und Entpolitisierung des Massenmordes.
Obwohl rechtsextreme Ideologie und Gewalt durch die Anschläge wieder zunehmend ins öffentliche Blickfeld gerückt sind, wurde die Tat selbst gleichzeitig entpolitisiert. Der Attentäter wurde oftmals zum Wahnsinnigen, zum wirren Einzelgänger abseits politischer Kategorien erklärt und dessen Motive wurden damit ins Private abgedrängt.
Der Irre ist Teil des Mainstreams
Eine Auseinandersetzung mit den ideologischen Rechtfertigungen der Tat, so die Autoren, habe nur in unzureichendem Maß stattgefunden. Manche Aspekte, wie zum Beispiel Breiviks Antimarxismus und Antifeminismus, seien – obwohl oder gerade weil sie von Teilen des politischen Mainstreams geteilt werden – meist gar nicht behandelt worden.
Die beiden empfehlenswerten Sammelbände sind sowohl Anleitung zur Kritik hegemonialer Alltagsdiskurse als auch eine Aufforderung zu politischer Aufklärung.
Beides ist nicht zuletzt auch in Österreich nötig, weil ideologisch motivierte Gewalt, die sich entpolitisiert gibt, sich auch in der Arbeit von Behörden bemerkbar macht, wie zum Beispiel der Fall des „Breiviks aus Traun“ zeigt (siehe Falter 29/11). Am 22. Juli 2011, dem Tag der Anschläge in Norwegen, ermordete ein Rassist im oberösterreichischen Traun einen Migranten und verletzte zwei Menschen schwer. Der Leiter des Verfassungsschutzes, Peter Gridling, sagte daraufhin, er könne bei der Tat keinen politischen Hintergrund erkennen und sprach von einem „Nachbarschaftsstreit“.
Buchpräsentation: „Vorboten der Barbarei“; anschließend Podiumsdiskussion. Kreisky Forum,
16. Februar 2012, 19 Uhr
Matthias Falter in Falter : Wien 7/2012 vom 15.2.2012 (Seite 15)
15.02.2012
falter.at
