Genau, Genua
Der neue Band aus der Bibliothek des Widerstands untersucht noch einmal genau die Umstände rund um den G-8-Gipfel von 2001
Von Anja Röhl Die Reihe Bibliothek des Widerstands, das muß immer mal wieder gesagt werden, ist spannender als eine Krimi-Edition. Die Bücher sind alle in einem knappen, klaren Stil geschrieben, der alle Kinderkrankheiten von Intellektualismus bis Massenferne überwunden hat. Die Tatsachen werden berichtet, Belege und Beispiele werden angeführt, die Schlüsse zieht der Leser allein. Komplizierteste Dinge werden in einfacher Sprache erklärt, und das ausnahmslos in allen Büchern der Edition, obwohl diese immer von anderen Autoren geschrieben wurden.
Das neue Buch über Genua im Jahre 2001 – ganzer Titel: »Die blutigen Tage von Genua 2001. G-8-Gipfel, Widerstand und Repression« – räumt mit verschiedenen Irrtümern auf, die noch im öffentlichen Gedächtnis hängen, und untermauert die Eindrücke, die den Augenzeugen in die »Knochen« gefahren sind. Es gab einen Toten, der, als er von einem Polizisten erschossen worden war, wie man im beiliegenden Film sehen kann, noch zweimal überfahren und schließlich ins Gesicht getreten wurde. Dann wurde er bewacht wie eine Bombe, der man nicht zu nahe kommen darf, alle menschlichen Reaktionen der in alle Richtungen fliehenden Demonstranten prallten am Block der schwerbewaffneten Polizisten ab, die unter ihren Helmen nichts Menschliches mehr hatten.
Das Buch geht der Frage nach, welchen Sinn die nächtlichen Überfälle in Diaz und Bolzanetto hatten, die Prügelorgien in den bis dahin friedlichen Volksfesten. Und der Frage, weshalb der »Schwarze Block« erst als Mythos aufgebaut wurde, dann aber in der Versenkung verschwand. Das Buch geht ferner der Frage nach, ob es ein geplantes Vorgehen war oder reines Chaos regierte. Waren es einzelne »schwarze Schafe« oder gab es eine Tendenz, einen Plan, der von oberster Stelle aus gesteuert wurde?
Die Zeit nach 2001 und das Verhalten bestimmter Politiker bis heute sowie die Tatsache der Beförderung von Hauptverdächtigen, spricht für die zweite These. Parteien- und handfeste Interessenskämpfe werden hinter den scheinbar chaotisch anmutenden Taten deutlich erkennbar. Auch, daß in der italienischen Exekutive ein latenter Faschismus zu finden ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Die 200000 Menschen von Genua 2001 wurde zwar das Fürchten gelehrt, aber die Antiglobalisierungsbewegung heißt heute: »Occupy«. Das Streben nach Gerechtigkeit hat sich noch nie klein prügeln lassen.
Wir verbinden Genua 2001 mit dem Tod von Carlo Giuliani, so wie wir Westberlin 1967 mit dem Tod Benno Ohnesorgs verbinden, hier wie dort gab es flankierend die Leberwursttaktik der Polizei: Die Demoteilnehmer in enge Gassen treiben, von drei Seiten bearbeiten, den Rest verhaften. Im dem Buch beigelegten Film »Gipfelstürmer – Die blutigen Tagen von Genua« kann man Szenen sehen, in denen 15 bewaffnete Polizisten auf ein am Boden kauerndes Mädchen einprügeln, die nichts anders tut, als sich schützend die Hände über den Kopf zu halten. Eine aufgehetzte, aufgestachelte Stimmung entsteht, ganz nach dem Motto: Ist die Bewegung zu friedlich, wird nachgeholfen.
Unglaublich gut ist die Filmsequenz in »Carlo Giuliani Ragazzo«, ebenfalls auf der beiliegenden DVD, in der die Mutter Carlos die verschiedenen Formen von Gewalt erklärt. Sie selbst sei Pazifistin, sagt sie. Aber es gäbe die Gewalt der Mächtigen, der Willkür, der Übermacht, des eigennützigen Interesses. Demgegenüber muß man sich verteidigen können.
Die gesamte Bewegung in Genua sieht in den Begleitfilmen aus, als handele es sich um eine zukünftige, keine vergangene. Die Szenen wirken fremd, wie Ausschnitte aus einer fernen Zukunft, man weiß nicht, ob man das gut oder schlecht finden soll, besonders die bunten Plastik- und Schaumstoff-Schutzanzüge der Demonstranten, die auf Rollen befestigten Plexiglasscheiben, die die Menschen vor sich her, den Polizisten entgegen schieben, das mutet fremdvertraut an. Es werden Zeiten kommen, in denen auch bei uns 200000 Menschen auf die Straße gehen, vielleicht wird es bald passieren, vielleicht einmal täglich, und täglich werden dann ganze Armeen gleichgeschalteter Uniformierter aufmarschieren, um diese bunten und wenig gerüsteten Menschen zusammenzuschlagen, in die Flucht zu schlagen, zu demütigen und zu mißhandeln.
Die europäische Polizei ist jedenfalls gerüstet. Presse, Justiz, Politik, alle sind es – aber es kann auch alles anders kommen. Denn Menschen können blitzartig begreifen.
