Der Aufstand von Genua
Zehn Jahre nach den Gipfelprotesten
Der zehnte Jahrestag der Gipfelproteste in Genua fand hierzulande nur wenig Resonanz - ganz anders in Italien, wo sich die Presse bereits im Vorfeld dem Thema ausgiebig widmete. In der Bundesrepublik gab es einige Veranstaltungen der linken Szene - darunter eine spektakuläre, nicht angemeldete Demonstration durch Berlin-Kreuzberg. Das Fernsehen berichtete kaum über den Jahrestag und es gab auf Deutsch gerade einmal eine Buchveröffentlichung zu einem der wichtigsten protestgeschichtlichen Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts: »Die blutigen Tage von Genua« aus der Bibliothek des Widerstands.
Bildmächtig werden die Ereignisse vor allem in den sechs Filmen des umfangreichen Mediabooks lebendig. Immer wieder kreisen Dokumentationen wie Texte um die Repression während der Gipfelproteste und den Tod von Carlo Giuliani. Genua ist für die Linke und die globalisierungskritische Bewegung fast wie ein Trauma und steht für Polizeigewalt, Massenverhaftungen, Misshandlungen und Übergriffe im Bolzaneto-Gefängnis und in der Diaz-Schule. Trauriger Höhepunkt war der Tod Carlo Giulianis, dem ein Carabinierie eine Kugel durchs Auge schoss, nachdem er laut Zeugenaussagen gerufen hatte »Scheiß-Kommunisten, ich töte euch alle!«.
In den Texten wird auf das Zusammenspiel der verschiedenen Sicherheitskräfte und der Staatsanwaltschaft eingegangen, wobei ein ganzes Panorama polizeilicher Kontrollstrategien aufgefächert wird. In der italienischen Dokumentation »Eine andere Welt ist möglich« wird deutlich, wie sehr die Proteste zu Beginn den Charakter eines bunten Festivals hatten. Neben diesem stimmungsvollen Film findet sich aber auch eine Dokumentation mit einer detaillierten Analyse der Ereignisse rund um die polizeiliche Eskalation. Der Fokus auf die Repression in der historischen Aufarbeitung erscheint fast zwingend, laut Amnesty International wurden in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg kein einziges Mal wie in Genua 2001 demokratische Grundrechte außer Kraft gesetzt.
Nur muss das wirklich die dominierende Erzählung über Genua sein, die heute, zehn Jahre später von einem Protestereignis übrig bleibt, das damals mehrere hunderttausend Menschen in Bewegung versetzt hatte? Vor einigen Wochen wies Julian Coupat vom Autorenkollektiv Tiqqun und mutmaßlicher Mitverfasser des Manifests »Der kommende Aufstand« bei einer Podiumsdiskussion in Berlin darauf hin, dass das Wissen der Antiglobalisierungsbewegung sozialisiert ist. Vor zehn Jahren dagegen sei es noch exklusives Wissen der Gipfelstürmer gewesen, auf die globalisierte turbokapitalistische Entwicklung hinzuweisen. Heute ist eine kritische Haltung dazu Konsens.
Nur welche Wirkung hat Genua darüber hinaus für die Entwicklung der außerparlamentarischen Opposition und auf die linke Theoriebildung ausgeübt? »Das Unsichtbare Komitee« und das Autorenkollektiv Tiqqun, die sich personell überschneiden, gehören generationell der Antiglobalisierungsbewegung an, in ihren Texten tauchen an zentralen Stellen auch immer wieder Verweise auf Genua auf. In aktuellen linksradikalen und anarchistischen Theoriedebatten wird auf diese Passagen ebenso wie auf das Protestereignis in Genua verwiesen. Insofern können die Auseinandersetzungen in Genua auch als frühes medial wirksames »Aufstands-Ereignis« gelesen werden, das aktuell eine bewegungsorientierte linke Theorie unterfüttert.
Denn Genua zeigte auch, dass ein punktuelles Außerkraftsetzen einer übermächtigen polizeilichen Repression möglich ist. In einem Film des Mediabooks kommt Carlo Giulianis Mutter zu Wort, die erklärt, sie hätte noch nie einen Stein gegen jemanden geworfen, aber in dieser Situation hätte sogar sie etwas unternommen. Insofern ließe sich der polizeiliche Ausnahmezustand in Genua als Symptom einer Krise der Demokratie verstehen, das eine radikal widerständige politische Kultur mit erzeugt hat, auf der heutige Protestbewegungen aufbauen können.
»Die blutigen Tage von Genua«, Laika Verlag, 24.90 Euro.
