03.06.2010
junge Welt

Die Schweiz scheint immer noch geheimnisvoller als, sagen wir mal, der Iran – selbst in völlig durch-massen-medialisierten Zeiten. Wer weiß schon, daß hinter den sieben Bergen an der Weltrevolution gearbeitet wurde? Und zwar gegenüber »den Lehrern, den Eltern, den Fußballtrainern, den Nachbarn, den Meinungsmachern, den Rasenmähern, den Pfarrern (…) den Machthabern, den Rentnern, den Strebern, den Pfadfinderführern, den Nüchternen, den Dorfkönigen, den Erwachsenen allgemein und den braven Jugendlichen im Besonderen«, schreibt der Schriftsteller Wolfgang Bortlik im lesenswerten Booklet der neuesten Ausgabe der »Bibliothek des Widerstands«, dem Kooperationsprojekt von Laika Verlag und dieser Zeitung. Nein, nein, es geht hier weder um Dadaismus vor fast 100 Jahren noch um den Häuserkampf von »Züri brännt« vor 30 Jahren, es geht um »Krawall« Ende der 60er Jahre. Unter diesem Titel hat der Regisseur Jürg Hassler 1970 einen künstlerisch besonders kämpferischen Dokfilm hingelegt, eine Art »Gimme Shelter«-Film der Schweizer Revolte, getragen vom Wahrhaftigkeits- und Rasanzanspruch des New American Cinema.

Und tatsächlich waren es wieder mal die Rolling Stones, die ja von 1964 bis 1972 immer toller wurden (um sich dann bis heute in absoluter Schrotthaftigkeit untot einzufrieren), die im BRD-Spießer-Parallelstaat Schweiz für Unruhe und Utopie-Phantasmagorien sorgten. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der alltäglichen Unterdrückung von nahezu allem, was Spaß bereitet, endete das Stones-Konzert 1967 im Züricher Hallenstadion in einem hübschen Tumult, bei dem die jugendlichen Besucher die Möbel geradezogen, wie man damals sagte: Stühle flogen durch die Luft, und die Phantasie (aufatmen, umstürzen, befreien) war kurzzeitig an der Macht – zumindest unter den fortschrittlichsten Kräften der Adoleszenten. Ein Jahr später brach bei ihren von Bortlik beschriebenen Gegnern Panik aus, als Jimi Hendrix in der Stadt spielte. Obwohl vor Beginn Hendrix-Poster verteilt wurden, auf denen unter anderem »Satisfaction ist möglich – Rebellion ist gerechtfertigt« zu lesen war, gestaltete sich sein Auftritt eher mau. Im Anschluß drosch die Polizei auf die unzufriedenen Besucher derartig ein, daß selbst die bürgerliche Presse von »Sadisten in Uniform« schrieb. Das Codewort für die Polizeiknüppelei lautete »Caramba«, wie aus der Vorhölle der Schlagersendungen im Fernsehen frisch abgezapft.

Daraufhin gab es unter Studenten und Jugendlichen Formen rätedemokratischer Selbstorganisation, um ein autonomes Jugendzentrum in Zürich durchzusetzen (wie zehn Jahre später auch). Merke: »Die Stadt ist ein Produktionsmittel« (Peter Weiss). Diese urbanen Kämpfe hat Hassler aus einem legitimen agitatorischen »Trichterblick«, wie Oliviero Pettenati kritisch im Booklet zur DVD anmerkt, abgefilmt, denn es bleibt unklar, was man mit so einem Jugendzentrum eigentlich will? Pettenati macht ein paar Anmerkungem zum Maoismus, dem politischen Arm der Rolling Stones, wie es damals vielen schien. Das war auch so ein Mißverständnis, das man heute in den Räumen der jW-Ladengalerie bei der Präsentation der DVD »Krawall« diskutieren könnte.


»Krawall«, Regie: Jürg Hassler, Schweiz 1970, 70 min (Laika Verlag) * Mediabook 4 der Bibliothek des Widerstands (erhältlich im jW-Shop)


Filmvorführung und Diskussion mit Karl-Heinz Dellwo, Dietmar Koschmieder und Klaus Kreimeier, heute, 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin

 

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