Wien (APA) - Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik als Symptom, das auf Missstände in der europäischen Gesellschaft hinweist - so sehen ihn die Autoren des Buches „Vorboten der Barbarei“. Ausschnitte daraus wurden am Donnerstagabend im Kreisky Forum in Wien von den beiden Herausgebern, Rainer Just und Gabriel Ramin Schor, präsentiert.
Direkt nach dem Attentat auf der Ferieninsel Utöya waren Just und Schor an die Produktion des Buches gegangen, für das unter anderen der slowenische Philosoph Slavoj Zizek einen Beitrag verfasste. Die Autoren des Buches verstehen Breivik nicht als wahnsinnigen Einzeltäter. Schor, Philosoph an der Kunstuniversität Linz, erklärte bei der Podiumsdiskussion: „Der Zeitpunkt des Massakers hat nicht nur sehr viel mit dem europäischen Rechtsextremismus, Rechtspopulismus zu tun, sondern mindestens ebenso mit dem Scheitern der Europäischen Union an sich selbst.“ Durch Ereignisse wie das EU-Wahlergebnis von 2009 und der Umgang mit der Wirtschaftskrise sei der politische und ökonomische Rahmen des „Projekts Europa“ nachhaltig diskreditiert worden. Schor sieht als Fundament für einen zunehmenden Rechtsextremismus das Unvermögen, „den anderen als etwas anderes anzuerkennen“. Der andere werde grundsätzlich als Bedrohung angesehen.
Just, Philologe an der Universität Wien meinte: „Die Toten von Utöya sind genauso das traumatische Produkt einer gescheiterten Aufklärung wie die Verhungerten von Somalia oder die Evakuierten von Fukushima.“ Es seien Katastrophen, die als Folgen des Kapitalismus und des Konsumismus interpretierbar seien. Außerdem drücke sich durch die Tat Breiviks übersteigerter Narzissmus aus, der aus dem Zwang zur Selbstverwirklichung, den die Gesellschaft ausübe, entstehe.
Die Philosophin Isolde Charim, Leiterin der Podiumsdiskussion und ebenfalls Mitautorin, fragte, ob Krisenzeiten wie die jetzige „natürlich“ den Rechtspopulismus fördere. Wolfgang Moitzi, Verbandsvorsitzender der Sozialistischen Jugend Österreichs, kritisierte, dass die Linken es nicht schaffen, ein politisches Gegenprogramm zu entwickeln.
Das Problem sei viel tiefschürfender als der Mangel an einem Gegenkonzept, entgegnete Charim. Die Verbindung zwischen Rechtspopulismus und Attentätern wie Breivik sei der „Emotionsraum“. Aufseiten der Linken wolle man immer Aufklärung gegen die Emotionalisierung der Rechten betreiben. Man müsse sich aber überlegen, wie man die Menschen auch emotional erreiche, sagte Charim.
( S E R V I C E : Rainer Just, Gabriel Ramin Schor (Hrsg): Vorboten der Barbarei - Zum Massaker von Utöya. LAIKA-Verlag Hamburg 2011 )
17.02.2012
Tiroler Tageszeitung Online
