Ende 1964 gab es in den USA 1365 Students for a Democratic Society (SDS, zahlende Mitglieder). Einige agitierten Vollzeit in großstädtischen Armenvierteln, wo es gerade zu ersten Riots der Schwarzen kam. Die SDS hatten damit nichts zu tun. Was sie aus der Bedeutungslosigkeit herauskatapultieren sollte, war der Beschluß, landesweit für eine Demo gegen den Vietnamkrieg zu mobilisieren. Der »March on Washington« wurde für den 17. April 1965 angesetzt. Jean-Paul Sartre sagte mit der Begründung ab, daß dieser eine von vielen Kriegen keinen hinter dem Ofen hervorlocken würde.
Im Februar verachtfachte die neue Regierung Lyndon B. Johnson die Truppenstärke. Erste Bomben wurden abgeworfen. Die SDS richteten für die Demo durchs Regierungsviertel zusätzliche Vollzeitstellen und ein Büro in Washington ein. Mit 20000 Teilnehmern wurde der Marsch aufs Kapitol zur bis dato größten Friedensdemo der USA. SDS-Präsident Paul Potter forderte den Aufbau einer Bewegung, die »den ganzen Horror dieses Krieges als ein Symptom eines grundsätzlicheren Übels versteht«. »Wir müssen das System benennen«, erklärte er; und zwar nicht als »Kapitalismus«. Das sei nur ein »hohles, totes Wort«.
Im Anschluß traten Hunderte den SDS bei. Im nationalen Büro, das im Chaos versank, versuchte Helen Garvy tagelang den neuen am Telefon zu erklären, »daß SDS mehr als nur eine Demonstration seien«. Dieses Zitat im fünften Band der »Bibliothek des Widerstands« stammt aus einem lehrreichen Buch von Todd Gitlin über die damalige Rolle der Massenmedien. Gitlin ist einer von Dutzenden Zeitzeugen in Helen Garvys Film »Rebels with a cause« (2000). In der Low-Budget-Doku über die Geschichte der SDS berichtet er von einer ihrer Sternstunden im Herbst ’67. Die SDS hatten sich zwischenzeitlich berappelt. Mit der »New Working Class Theory« erklärten sie sich zu den revolutionären Subjekten des wissensbasierten Kapitalismus. Für regen Zulauf sorgte außer der Reanimation dieses Wortes der Umstand, daß die Regierung ab Februar ’66 die Studenten mit den schlechtesten Noten nach Vietnam schicken ließ (die Uni-Leitungen kooperierten).
Im Herbst ’67 wurde unter dem Jubel von 100000 Antikriegsdemonstranten am Fahnenmast des Pentagon die Flagge der vietnamesischen Befreiungsfront gehißt. In Oakland bei Berkeley/Kalifornien, dem Zentrum des studentischen Widerstands, blockierten einige hundert Demonstranten einen Tag lang die Musterungsbehörde. In »Rebels with a cause« spricht Mark Kleiman davon mit leuchtenden Augen. »Hunderte behelmter Bullen« (Untertitel, tatsächlich sagt er »police«) hätten ihn schlottern lassen. »Wir waren darauf strategisch nicht vorbereitet«. Todd Gitlin hat das etwas anders in Erinnerung. Viele Demonstranten seien mit Helmen und »mobile tactics« angetreten, meint der Mann mit dem weißblonden Drei-Wochen-Bart. Man habe das vorher ausgetüftelt: Wenn die Cops diese Straße räumen, rennst du um diese Ecke und eröffnest da eine neue Front. Gitlins Ausführungen werden von Archivaufnahmen gestützt: drei Cops von hinten aus der Vogelperspektive vor aufgebrachten Demonstranten. Steine fliegen. Immer wieder blicken die drei sich ängstlich um, als gerieten sie gerade in eine Flügelzange.
Bald danach hatten die SDS ihren Zenit überschritten. Die Afroamerikaner taten sich im Kampf um Bürgerrechte nicht mit dieser weißen Elite zusammen. In den Armenvierteln blieben die Leute »passiv, unpolitisch, in private Probleme verstrickt und oftmals voller Hoffnung auf einen Messias aus der Elite«. Da die SDS auf sich zurückgeworfen blieben, verkamen ihre revolutionären Theorien zu Mustern ohne Wert. Der Frust war groß. Man war dem Imperialismus so dicht auf die Pelle gerückt, und sollte am Ende nur ein paar Studenten davor bewahrt haben, in Zinksärgen aus Vietnam heimzukehren? So ähnlich sah es jedenfalls der SDS-Theoretiker Carl Davidson: »Wir organisieren Studierende gegen die Einberufung, obwohl die Armee aus jungen Männern besteht, die arm, schwarz, lateinamerikanischen Ursprungs, Hillbillies oder Arbeiter sind. Sie besteht aus allem außer aus Studierenden.«
Damit die Automatisierung der imperialistischen Kriege (in Vietnam starben 60000 GIs, im Irak bisher unter 4500) nicht die wesentliche Folge der SDS-Revolte bleibt, gibt es den fünften Band der »Bibliothek des Widerstands«. Der Film ist mit seinen Talking Heads, seinen Schwenks über und Zooms auf alte Fotos nicht gerade einen visuelles Erlebnis, aber es ist an uns, von diesen Leuten zu lernen.
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