Band 55:
Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus – Eine Spurensuche
ISBN: 
978-3-942281-67-6
Erschienen im Oktober 2015
Preis: 
28,00 €
232 Seiten

Am 16.01.2016 ist Ellen Meiksins Wood verstorben. Einen Nachruf gibt es hier.

Wenige Fragen der Geschichte haben so viele aktuelle politische Implikationen wie die scheinbar so einfache: Wie ist der Kapitalismus entstanden? In dieser erhellenden Arbeit widerlegt Ellen Meiksins Wood die meisten vorhandenen Darstellungen über den Ursprung des Kapitalismus, denen es nicht gelingt, die spezifischen Eigenschaften des Kapitalismus als Gesellschaftssystem zu erkennen, und die ihn stattdessen als Höhepunkt einer natürlichen menschlichen Neigung zum Handel erscheinen lassen.

Aber nur mit einem richtigen Verständnis der Anfänge des Kapitalismus, so Wood, können wir uns die Möglichkeit seines Endes vorstellen.

Ellen Meiksins Wood beginnt ihre Erforschung der Ursprünge des Kapitalismus mit einer Untersuchung der klassischen Denker von Adam Smith bis hin zu Max Weber, um dann die großen marxistischen Debatten zwischen Autoren wie Paul Sweezy, Maurice Dobb, Robert Brenner, Perry Anderson und E. P. Thompson zu erkunden. In ihrer eigenen Darstellung der agrarischen Ursprünge des Kapitalismus stellt sie schließlich die Verbindung des Kapitalismus mit Städten, die Gleichsetzung von »kapitalistisch« mit »bürgerlich« und die von diesen Annahmen abgeleiteten Konzeptionen von Moderne und Postmoderne infrage.

 

 


 

Ellen Meiksins Wood (geb. 1942 gest. 2016) lehrte von 1967 bis 1996 Politikwissenschaft an der York University in Toronto. Von 1984 bis 1993 war sie Redaktionsmitglied der New Left Review, von 1997 bis 2000 Mitherausgeberin der Zeitschrift Monthly Review. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter The Retreat from Class: A New »True« Socialism (1986); The Pristine Culture of Capitalism. A Historical Essay on Old Regimes and Modern States (1991); Empire of Capital (2003); Citizens to Lords: A Social History of Western Political Thought from Antiquity to the Middle Ages (2008) sowie Liberty and Property: A Social History of Western Political Thought from Renaissance to Enlightenment (2012).

 


Ein Nachruf auf Ellen Meiksins Wood von Vivek Chibber



Ellen Meiksins Woods Verlag Verso Books, der mehrere ihrer zentralen Werke im englischsprachigen Raum publizierte, hat diesen Nachruf von Vivek Chibber veröffentlicht, den wir hier auch in deutscher Übersetzung gerne zugänglich machen wollen. Bei LAIKA erscheinen »Ausgewählte Werke« der Autorin, erst kürzlich bildete ihr Klassiker »Der Ursprung des Kapitalismus« den Auftakt, der eine genaue Analyse der konkreten historischen Entstehungsbedingungen des Kapitalismus liefert. Weitere ihrer Titel werden bei uns erscheinen und somit erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen.


Verso Books zum Tod von Ellen Meiksins Wood:

Wir sind tief getroffen vom Tod der weltbekannten politischen Theoretikerin und Historikerin Ellen Meiksins Wood (1942–2016). Ellen war eine der Gründerinnen und Hauptexponentinnen des »politisch-marxistischen« Ansatzes in der Geschichtswissenschaft. Wir sind sehr stolz, einige von Ellens einflussreichen Werken wie Empire of Capital, Peasant-Citizen and Slave: The Foundations of Athenian Democracy, und im letzten Jahr The Pristine Culture of Capitalism über die Nairn-Anderson-These sowie die Besonderheiten des britischen Kapitalismus veröffentlicht zu haben. Vivek Chibber, Lehrbeauftragter für Soziologie an der Universität von New York und Autor von Postcolonial Theory and the Specter of Capital erinnert sich an Ellen.




von Vivek Chibber, 15. Januar 2016


Ellen Meiksins Wood starb am 14. Januar 2016 nach langem Kampf gegen den Krebs. Wood war eine Denkerin von außerordentlicher Reichweite, die mit Sachverstand über das alte Griechenland, die politische Entwicklung der frühen Moderne und der Gegenwart, über Marxismus sowie die Struktur und Entwicklung des modernen Kapitalismus schrieb. Aber noch wichtiger war, dass sie eine der wenigen aus der Neuen Linken war, die in ihrem Einsatz für eine sozialistische Politik nie nachließen. Mit ihrem 1986 veröffentlichten Buch The Retreat from Class trat sie mit Nachdruck als einflussreiche Stimme der intellektuellen Linken auf den Plan. Das Buch war eine der frühen und sicherlich zwingendsten Kritiken des postmarxistischen Milieus, das in der einstigen Neuen Linken Form annahm. Intellektuell war es eine anregende Verteidigung des historischen Materialismus gegen die postmarxistische Kritik; politisch war es Woods Abrechnung mit einer Generation, die sich – nach einem kurzen Flirt mit sozialistischer Politik – mit wilder Entschlossenheit gegen sie wendete.


Bei ihrer Verteidigung der Klassenanalyse bestand Wood immer darauf, dass sie auf empirischen Untersuchungen beruhen muss. Sie scheute nie vor Auseinandersetzungen zurück, auch nicht mit Theoretikern, die ihr nahestanden. In Peasant Citizen and Slave legte sie sich mit G.E.M. de Ste. Croix an, vielleicht einer der größten Altertumsforscher und mit Sicherheit deren berühmtester marxistischer Analytiker, der in seinem Buch The Class Struggle in the Ancient Greek World behauptete, dass die wesentliche Überschussquelle sowohl in Griechenland als auch in Rom die Sklavenarbeit war. Wood schrieb, dass de Ste. Croix zu Recht auf die Bedeutung der Sklavenarbeit in der Antike hinwies, er ihre zentrale Rolle bei der Überschussproduktion aber stark übertrieb. Sie untermauerte ihren Standpunkt mit einer sorgfältigen Untersuchung von Primärquellen, mit der sie nicht nur de Ste. Croix widersprach, sondern auch eine der wichtigsten materialistischen Analysen der griechischen Gesellschaftsstruktur schuf. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später stritt sie sich mit ihrem lebenslangen Freund und politischen Genossen Robert Brenner über die Ursprünge des modernen Kapitalismus. Während Wood stark von Brenners Argumenten über die Ursprünge des Kapitalismus in England beeinflusst war, bestand sie doch darauf, dass seine Analyse des Aufstiegs des Kapitalismus in den Niederlanden sowohl empirisch fragwürdig als auch analytisch fehlerhaft sei. Wieder war ihre Argumentation von sorgfältiger Untersuchung der Fakten und messerscharfer analytischer Präzision gekennzeichnet. Ihre Kritik ist bis heute vielleicht eine der stichhaltigsten an Brenners einflussreichem Werk.


Am bekanntesten ist Wood vielleicht für ihre Rolle in der Entwicklung des »politischen Marxismus« – der Erörterung der Struktur und der Ursprünge des Kapitalismus, die hauptsächlich auf den Arbeiten des Historikers Robert Brenner fußt. Brenner und seine Kollegen gingen davon aus, dass der Kapitalismus durch eine Reihe sozialer Vermögensbeziehungen gekennzeichnet ist, die eine Besonderheit der Moderne ist und alle ökonomischen Akteure in die Abhängigkeit vom Markt treibt. Während sich in allen früheren Perioden die Produktion am Lebensunterhalt orientierte, ist der Kapitalismus das erste Wirtschaftssystem, dass Produzenten dazu zwingt, Güter auf dem Markt zu verkaufen und so miteinander konkurrieren zu müssen, um zu überleben. Wood behauptete, dass dies zwei sehr wichtige Implikationen hat. Erstens, dass der Kapitalismus das erste Wirtschaftssystem ist, in dem der Markt eine zentrale Rolle spielt. Märkte existieren zwar seit Jahrtausenden, doch unsere Ära ist die erste, in der sie tatsächlich die Produktion und den Austausch regulieren und so die soziale Teilung der Arbeit schaffen. Das ist aber keine gesetzmäßige Folge. Es gibt keine eingebaute Tendenz der Märkte, zu wachsen, bis sie die präkapitalistischen Produktionsformen ersetzen. Die Voraussetzungen dafür wurden geschaffen, indem man die Bauern ihres Landes beraubte.


Zweitens bedeutet es, dass die Profitmaximierung den Produzenten als Überlebensmöglichkeit aufgezwungen wird. Unternehmen machen nicht Profit, weil sie gierig sind, sondern weil sie aus dem Markt gedrängt würden, wenn sie es nicht täten. Der Markt ist also keine Institution, die aus der fröhlichen Ausübung des Unternehmergeistes entstanden ist, sondern eine erzwungene Institution, die sowohl Arbeiter als auch Unternehmer beherrscht. Das hat eine eindeutige politische Bedeutung: Solange die Produktion vom Wettbewerb auf dem Markt abhängig ist, kann der Antagonismus zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht aufgelöst werden. So lange Unternehmen nur überleben können, wenn sie den Konkurrenzkampf gewinnen, müssen sie rücksichtslos Kosten minimieren. Und das bedeutet, dass sie laufend die Gehälter und Leistungen für die Arbeitnehmer minimieren müssen, um zu überleben. Der Markt spielt den Kapitalisten gegen seine eigenen Angestellten aus. Woods Schlussfolgerung: So lange die kapitalistischen Vermögensbeziehungen gelten, wird der Klassenkampf die zentrale Konfrontation bleiben. In den Jahren nach der Veröffentlichung von The Retreat from Class veröffentlichte Wood dutzende Essays, die diesen Standpunkt vertieften und aufzeigten, wie die politische Theorie die Fäulnis des Kapitalismus zum eigenen Schaden ignorierte.


In ihren letzten Jahren widmete sich Wood einer außerordentlich ehrgeizigen Analyse der Entwicklung des politischen Denkens von der Antike bis heute. Wood versuchte, die wichtigsten Denker jeder Epoche in ihrem sozialen (insbesondere Klassen-) Kontext zu verorten und zu zeigen, wie die wichtigen Themen und Argumentationslinien mit der zentralen politischen Dynamik der Zeit in Verbindung standen, und so die politischen Ideologien jeder Ära in die zugrundeliegende Klassenstruktur einzubetten. Zwei Bände dieser Reihe, die sich vom alten Griechenland bis zur Aufklärung erstreckten, hatte sie bereits vollendet. Ein dritter Band, der die Geschichte ins 21. Jahrhundert bringen sollte, war in Vorbereitung.


Ich traf Ellen nur bei seltenen Anlässen, aber wie so viele andere Linke fühle ich mich tief in ihrer Schuld. Sie war nicht nur eine unglaublich begabte Theoretikerin – vielleicht die brillanteste ihrer Generation – sie blieb auch während einer der zweifellos schwierigsten Perioden der Linken moralisch und politisch standhaft. Ellen zeigte uns, was es bedeutet, ein engagierter Intellektueller zu sein; dass es möglich ist, zugleich zutiefst moralisch und schonungslos analytisch zu sein; mitfühlend und mit kühlem Kopf detailgenau zu sein; tief in einer Bewegung verwurzelt zu sein, aber immer sein unabhängiges Urteil zu bewahren. Sie schaffte all dies mit einer nachahmenswerten Mühelosigkeit. Ihr Tod ist ein Verlust, den wir alle noch lange spüren werden. Und traurigerweise auch ein Verlust, den die Linke noch nicht auffangen kann.

 Übersetzung: Alexander Kasbohm

Pressestimmen: 

»Die US-amerikanische Historikerin und Politologin Ellen Meiksins Wood plädiert in ihrem spannenden Buch Die Ursprünge des Kapitalismus dafür, sich mit den Wurzeln dieses Systems zu beschäftigen. Denn als historische Formation, die sich unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen entwickelte, kann es schließlich auch Möglichkeiten ihrer ›Abschaffung und Ersetzung durch eine andere gesellschaftliche Form‹ geben. Wenn der Kapitalismus also einen historischen Anfang hat, so gibt es auch ein vorstellbares Ende. [...]Ellen Meiksins Woods im Original bereits 1999 erschienener Klassiker leistet zwar keinen aktuellen Debattenbeitrag, ist aber dennoch hochinteressant, da die 1942 geborene Politologin und langjährige Mitarbeiterin der New Left Review in ihrer Studie eine sehr exakte Analyse des Entstehungsprozesses des Kapitalismus bietet.«

Florian Schmid, Der Freitag


»Warum der Kapitalismus – obwohl er so krisenhaft ist – so stabil ist, darüber hat sich schon manch kluger Mensch das Hirn zermartert. Wer sein Ende herbeisehnt, kommt um die Frage, wie er funktioniert und wie alles anfing, nicht herum. Wobei das zwei unterschiedliche Fragen sind, wie Karl Marx immer betont. Zur historischen Frage erschien vor mehr als zehn Jahren ein Standardwerk: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Die nun verstorbene Ellen Meiksins Wood referiert darin nicht nur die bisher prominenten marxistischen Positionen und Debatten zum Thema, sondern legt ihre ganz eigene, zugespitzte Analyse vor. […]
Bleibt zu hoffen, dass diesem hervorragend übersetzten und sehr gut zu lesenden ersten Band der »Ausgewählten Werke« von Meiksins Wood weitere Übersetzungen folgen […].«

Ingo Stützle, Neues Deutschland